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Ferien in Rudolstadt

Der Sommer war schon bald vorüber, und meine Gedanken trugen mich nach Rudolstadt, wo auf der Vogelwiese das alljährliche Vogelschießen stattfand. Im letzten Jahr war ich dort gewesen. Wie gerne wäre ich es jetzt wieder!
 Rudolstadt_Ansicht+

Rudolstadt. Ansichtskarte. Quelle: www.deutsche-schutzgebiete.de
 



Ich freute mich auf die Sommerferien auf dem Lande, die ich in Volkstedt, in der Nähe meiner liebsten Freundinnen verbringen wollte. So versuchte ich beim Kantor Unbehaun das gleiche Quartier wie im Vorjahr zu bekommen.
 
Die Ruhe für meine dringendsten Arbeiten am Geisterseher für die Thalia und an einer Universalhistorischen Übersicht, die ich für den 1. Band meiner allgemeinen Sammlung geplant hatte, wäre mir hier sicher, und es blieb noch genügend Zeit für das Zusammensein mit Karoline und Lotte. Außerdem hatte ich die Lesungen für die Wintersemester vorzubereiten.
 
Bereits in vierzehn Tagen gedachte ich in Volkstedt zu sein. Ich kündigte schon jetzt meinen Besuch bei Louise von Lengefeld an, die sich zurzeit häufig auf dem Schloss Heidecksburg als Hofmeisterin aufhielt und wenn überhaupt, nur noch stundenweise herunter in ihre Wohnung kam.
 
Als am 15. September 1789 meine letzte Vorlesung stattfand, trennten mich nur noch wenige Tage von meinen Lieben.
 
Wir würden endlich die Zeit miteinander genießen können, und ich hoffte, dass meine häufigen Besuche kein Missvergnügen bei meiner zukünftigen Schwiegermama – „Chère Mère“, wie wir sie nannten - erzeugen würde. Von unserer Verlobung durfte sie noch nichts erfahren, denn die Zeit war noch nicht reif dafür.
 geisterseher
Wie schön waren die Visionen, die ich für die Zukunft hatte! In Gedanken sah ich Karoline vor mir, wie sie Klavier spielte und Lottchen saß neben ihr und arbeitete, und ich betrachtete beide im Spiegel, der meinem Schreibtisch gegenüber hing.
 
Dann legte ich die Feder fort und trat zu ihnen, um mich von ihren schlagenden Herzen zu überzeugen, aus Angst, es könnte meine eigene Phantasie sein, die mir hier einen Streich spielte. 
 
Durch eine Nachricht Charlotte von Kalbs wurde ich aus meinen Träumereien geschreckt. Sie hatte geplant, Frau von Stein auf Kochberg zu besuchen und auf diesem Wege auch der Familie Lengefeld einen Besuch in Rudolstadt abzustatten. Ich war erleichtert, als ich kurz darauf erfuhr, dass sie ihre Pläne ändern musste.
 
Sie war plötzlich nach Kalbsrieth abberufen worden, weil ihr Schwiegervater schwer erkrankt war, den ich vor kurzem bei den Griesbachs kennen gelernt hatte. Es war mir mehr als recht, dass sie nun von Rudolstadt fern blieb, denn es wäre ein Zwang für alle gewesen, wenn sie mich dort getroffen hätte, schon deshalb, weil Karoline und Lotte über den Stand unserer Beziehung durch mich Bescheid wussten. Andererseits war die Kalb noch völlig unwissend, was mein Verbindung zu den Beiden anbetraf und hatte immer noch ein misstrauisches, waches Auge auf mich.
 
Im Moment war mein Verhältnis zu ihr wieder ausgesprochen entspannt und auf die freundschaftliche Ebene zurückgekehrt, doch ich ahnte, dass es ihr sehr weh täte, wenn sie von meiner Verlobung erfahren würde. Ausgerechnet jetzt hatte sie sich zu einer Scheidung durchgerungen, und ich wusste insgeheim, dass sie diese Trennung von ihrem Mann auch meinetwegen vollziehen wollte. Anfang letzten Jahres wäre das ganz in meinem Sinne gewesen, doch nun bedauerte ich ihren Entschluss.
 
Sie hatte mich als einzige Person in ihre Pläne eingeweiht, und so sah ich mich gezwungenermaßen genötigt, ihr aufgrund unserer alten Freundschaft in dieser Sache mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
 
Ich war ihr immerhin Einiges schuldig und konnte diese Tatsache nicht einfach vergessen. Sie hatte ein Anrecht auf meine Freundschaft. Schließlich verdankte ich ihr meine gesellschaftliche Position, denn ohne Charlotte von Kalb wäre ich niemals in die Weimarer Gesellschaft eingeführt worden. Doch ihr Einfluss bedeutete auch eine gewisse Gefahr, deshalb musste gegenüber Frau von Stein ein besonderes Stillschweigen gewahrt werden. Sollte diese nämlich etwas von der heimlichen Verlobung erfahren, so befürchtete ich, würde sie ihr Wissen auch an die Kalb weiter tragen.
 
Charlotte von Kalb bat mich darum, noch vor meiner Reise nach Rudolstadt zu ihr nach Weimar zu kommen. Das war mir zeitlich unmöglich, deshalb schlug ich ihr vor, in Gesellschaft von Kammersängerin Schröter, die sehr diskret war, zu mir nach Jena zu reisen, um über ihre Scheidung zu sprechen.
 
Doch dazu kam es nicht, denn sie sagte kurz vorher ab, weil die Reise nach Kalbsrieth keinen Aufschub mehr duldete. Ihr Mann und ihr Schwager waren Mitte September ebenfalls auf dem Weg dorthin.
 
Wieder durchkreuzte meine finanzielle Situation meine Pläne für die Abreise in Richtung Rudolstadt. Ein erwarteter Geldeingang des Verlegers Johann Michael Maucke war ausgeblieben, und ich konnte einige wichtige Zahlungen, die mir bereits unter den Nägeln brannten, nicht fristgerecht vornehmen. In meiner Not schrieb ich an Hufeland und erbat mir Vorschuss bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Geld von Maucke eingetroffen war.
 
Schon zu lange war ich ohne Post von Karoline und Lotte gewesen, und die ungeplante Verzögerung verschlechterte meine Laune. Die beiden hatten mir in einem der letzten Briefe mitgeteilt, dass sich der Gesundheitszustand ihrer Freundin Karoline von Dacheröden immer noch nicht gebessert hatte und das Blutspeien anhielt. Darüber sorgte ich mich und dachte daran, dass ihr in einer größeren Stadt vielleicht besser geholfen werden könnte. So reiste sie mit ihrem Vater nach Halle und wurde dort von dem Chirurgen Professor Meckel behandelt. Danach besserte sich ihr Zustand langsam, doch war sie im Oktober noch nicht fähig, uns in Rudolstadt zu besuchen, was ich ihr auch im Namen von Karoline und Lotte vorgeschlagen hatte. Sie kehrte erst Anfang November wieder nach Erfurt zurück.
 
Kurz vor meiner Abreise erreichte mich eine Nachricht von Charlotte von Kalb, in der sie mich über den Stand Ihrer Scheidung informierte. Ihr Mann willigte zwar ein, da er sie nicht zwingen wollte die Ehe aufrecht zu erhalten, bestand jedoch darauf, dass ihr gemeinsamer Sohn Fritz nach der Scheidung nicht bei Charlotte bleiben sollte. Das Einzige, was sie jetzt noch tun konnte, war, auf die Trennung zu verzichten, denn ihren geliebten Sohn würde sie niemals aufgeben wollen.
 
Endlich konnte ich am 18. September 1789 meine Reise nach Rudolstadt antreten, und ich hatte mir vorgenommen, dort bis zum 16. Oktober zu bleiben. Bereits kurz nach meiner Ankunft in Volkstedt wurde ich von einem bohrenden Zahnschmerz heimgesucht, der die gesamte erste Woche meines Aufenthaltes nicht weichen wollte.
 
Die Zeit meiner Ferien verging schneller als gedacht und später als geplant, am Donnerstag, den 22. Oktober 1789, kehrte ich nach Jena zurück. Bei meiner Abreise begleiteten mich die Sorgen um Karolines Gesundheit, die seit ihrem Aufenthalt in Bad Lauchstädt von einem nervösen Magenleiden geplagt wurde.
 
Das ständige Husten und Blutspucken ihrer Freundin Karoline von Dacheröden war ihr wohl selbst erheblich auf den Magen geschlagen, doch mehr als den Ratschlag, es gelassener zu nehmen, konnte ich ihr leider nicht erteilen.
 

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