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 Jura und Medizin Scannen0027

Schattenriss: Schiller als Karlsschüler  Könnecke 1905
 

Jura war kein Fach, das ich sonderlich schätzte. Es war öde und machte die Tage lang. Der Stoff war zu spröde und lähmte meine poesieerfüllte Seele, denn er ließ keinen Raum für schöngeistige Träumereien. Derartige Visionen waren der nüchternen Materie eher abträglich. Die Rechtsprechung vertrug sich weder mit der Welt meiner Ideale, noch mit meinem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. So verfolgte ich die Vorlesungen mit nur geringem Interesse. Ich war mehr damit beschäftigt über meine dichterischen Pläne nachzudenken und flüchtete in die Phantasiewelt meines Herzens, - eine ideale, nicht die, die wirklich ist. Ich empörte mich darüber, dass ich eine Bestrafung riskierte, wo mein inneres Bewusstsein für die Rechtlichkeit meiner Handlungen sprach.
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Karlsschüler. Quelle: Könnecke 1905



Im Jahre 1774 begann die Freundschaft mit Georg Friedrich von Scharffenstein, Friedrich Wilhelm von Hoven, Johann Rudolph Zumsteeg und später Johann Wilhelm Petersen, welche sich ebenfalls für schöngeistige Literatur und Philosophie begeisterten. Goethe wurde beinahe wie ein Gott von uns verehrt, dessen unnahbare Arroganz mir jedoch schon damals ein Gräuel war.
 
Die Karlsakademie war in drei Kurse aufgeteilt. Es gab einen philologischen, einen philosophischen und einen Berufskursus. Als der Philosophieunterricht 1775 mit den neuesten Theorien gefüllt und mit Shakespeares Werken bereichert wurde, lebte ich auf.
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Wissbegierig verschlang ich dessen Schöpfungen im Anschluss an die von Voltaire. Philosophische Schriften von Lessing, Mendelsohn und Sulzer; den Plutarch und Rousseaus Werke las ich mit Lust. Ach, es gab so viele große Geister, die ich verehrte! Die Schriften des Moralisten Garve liebte ich besonders. Gerstenbergs  Trauerspiel „Ugolino“ hatte ich bereits 1773 nahezu verschlungen. Ich versank in die Welt des „Klopstockschen Messias“, getragen von heiligen Schauern und gottesfürchtigem Entzücken. Auf der Lateinschule hatte ich mich schon früh in der metrischen Übersetzung lateinischer Dichter geübt und versuchte diese in Nachahmungen der Klopstockschen Werke anzuwenden.
 
Den Sinn des Lebens wollte ich ergründen. Das war mein innigstes Bestreben. Ja, philosophische Gedanken beflügelten mich zu einem neuen Verständnis der Dinge, widersprachen sie doch vielen theologischen Glaubenssätzen.
Durch die Welt meiner Bücher wusste ich, dass es dort draußen noch etwas Anderes, Wundervolles, geben musste: Ein erfülltes Leben, das voller Liebe und Schönheit auf mich wartete, und einen Gott, der mich aus diesen lieblosen Mauern herausführen würde.
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Das Drama „Julius von Tarent“ von Johann Anton Leisewitz war mir damals eines meiner Liebsten. Fortan war ich auf der Suche nach einem ähnlich tragischen Stoff. „Cosmo von Medici“ hatte ich mir zunächst erwählt, doch es blieb bei einem Versuch. Rock und Hemd hätte ich für einen geeigneten Stoff gegeben! Schließlich fand ich diesen in der Geschichte eines Selbstmordes. Daraus entstand mein erstes Drama „Der Student von Nassau”, aus dem ich regelmäßig meinen Kameraden vorlas.
 
Voller Eifer versuchten wir es damals den Großen gleich zu tun, indem wir in unserer ästhetischen Studentenvereinigung etwas Ähnliches wie den „Werther“ oder den „Götz“ zu schreiben versuchten.
 
Es war nicht mein Wissensdrang, der mich letztendlich 1776 veranlasste, den juristischen Zweig zu verlassen und zum medizinischen zu wechseln. Als diese neue Fakultät eröffnet wurde, wurde der Wechsel auf Druck des Fürsten vollzogen. Er zitierte mich dorthin, weil ihm durch meine Professoren zu Ohren gekommen war, dass ich in den juridischen Studien zurückgeblieben sei. Das Versäumte wäre nicht mehr leicht nachzuholen gewesen. 
 
Eigentlich wollte ich ja weder das Eine noch das Andere. Wohl brachte ich dem Medizinstudium etwas mehr Interesse entgegen, da auch Literatur gelehrt wurde. Ich fasste also den guten Vorsatz, das neu gewählte Studium ernster zu betreiben, als das verlassene Fach der Jurisprudenz. Zumindest schien mir die Medizin mit der Dichtkunst viel näher verwandt zu sein, weil sie sich mit dem Leben selbst beschäftigte.
 
Die gelehrten Fächer teilten sich auf in Logik, Metaphysik und Geschichte der Philosophie, die in den Lesungen von Professor Schwab, einem der bekanntesten Kant Gegner, vermittelt wurden, und Psychologie, Ästhetik und Geschichte der Menschheit, sowie Moral derselben, bei Professor Abel, einem bei den meisten Schülern beliebten und umgänglichen Mann.
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Professor Abel, Quelle: Könnecke 1905

                                                                                                         
Das gute Beiwerk meines Studiums war ein neu gebildeter Literaturkreis, der sich als ideales Schaffensfeld entpuppte, in welches ich meine Ideale und mich selbst einbringen durfte. Die Karlsschule empfand die Arbeiten unseres Kreises als eine Art Rebellion gegen die bestehende Ordnung. Hier trafen sich Gleichgesinnte, mit denen ich mehr als nur kameradschaftliche Bande knüpfte. Solch eine edle Freundschaft, die ein ganzes Leben lang hätte währen können, verband mich mit Georg Friedrich von Scharffenstein, der mein innigster Vertrauter war. Doch er hatte die Eigenschaften, die das Wesen einer solchen Freundschaft ausmachen, in mir offenbar nicht finden können. Da, wo ich Verständnis von ihm erhofft hatte, machte er sich lustig über mich. Er hatte mich bloßgestellt und beschämt. Wir haben bis zu seiner Entlassung aus der Akademie kein einziges Wort mehr miteinander gesprochen. Ich hatte mich vollends von ihm abgewandt.

Von uns Zöglingen wurde die gänzliche Unterwerfung des Willens unter den des Stifters der Pflanzschule verlangt. Der Herzog schätzte zwar die Ideen der Aufklärung, zog jedoch die repräsentativen Künste vor. Vor allem erwartete er die strengste Verleugnung unserer Individualität und die Erstickung unserer Talente.
 
Die Medizin breitete sich als ein völlig neues Gebiet vor mir aus. Doch war es ein fassbares, nicht abstraktes. Der Arzneimittelkunde galt mein besonderes Interesse.
 
Ich studierte Körper und sezierte sie. Mit Entsetzen und auf Befehl des Fürsten auch den eines Kameraden. Die Öffnung der Leiche des im Alter von siebzehn Jahren verstorbenen Malerschülers Johann Christian Hiller wurde ausgeführt. Er war plötzlich an Lungenschwindsucht und Herzbeutelentzündung verstorben.
 
Doch blieb im Dunkel verborgen, wonach ich wirklich suchte. Wo steckte er, des Lebens Kern, die Energiezelle, die verbunden mit dem Kosmos alles vermochte?
 
Wo war der treibende Geist, die Seelenkraft, die uns lehrte, Gutes und Böses zu erkennen und den rechten Weg zu wählen? Die Tätigkeit der menschlichen Seele war – aus einer Notwendigkeit, die ich noch nicht erkannte und auf eine Art, die ich noch nicht begreifen konnte – an die Tätigkeit der Materie gebunden.
 
Ich, später als Arzt selbst zu manchen Behandlungen berufen, die mitunter von den Kranken nahezu gefürchtet waren, musste dereinst meinen fortschreitenden eigenen Verfall hinnehmen. Fehlte es doch an Arzneien, die damals noch gänzlich unbekannt waren, und an Mitteln der Diagnostik. Ich habe meinen Tribut an die Zeit gezahlt. Und so hoch der Preis auch war, heute segne ich mein leidvolles Dasein.
 
Mein Gottvertrauen gab mir Zuversicht. Meine Gebete waren Ventil und Kraftquelle zugleich. Sie spornten mich an, demütig ungeliebte Dinge zu tun, mein Studium zu absolvieren und auf weitere Sicht meine eigentlichen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.
 
Es galt, meinen späteren Broterwerb zu sichern, auch wenn die Stellung als Regimentsarzt nicht sonderlich gut dotiert war. Doch der militärische Dienst war so gar nicht mein Fach. Ich sah mich zum Schreiben berufen und wollte die Poesie und den Freiheitsgedanken in die Welt tragen. Damit wollte ich ihr von Nutzen sein.
 
Diese innere Mission gab mir die Kraft und den Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen. Die ganze Nation sollte hören, was ich ihr zu sagen hatte! Da war so viel in meinem Kopf. Müßig war es, nur ein paar Gedichte veröffentlicht zu sehen, wenn ich mit meinen Gedanken ganze Bücher hätte füllen können.
 
Damals durfte ich meine Gedanken nur heimlich aufs Papier bringen. Meistens tat ich dies, wenn ich selbst auf der Krankenstation lag oder mich dort um kranke Kameraden kümmern musste. Dann arbeitete ich bis zum Morgengrauen an den Fragmenten meines Werkes.
 
 

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