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Marbach und Lorch

Es war ein einfaches Leben, in welches ich am 10. November 1759 hineingeboren wurde. So kam ich, nach meiner Schwester Elisabeth Christophine Friederike, als einziger Sohn der Eheleute Elisabetha Dorothea, geborene Kodweiß, und Johann Caspar Schiller in Marbach in eine bürgerliche Welt, die von Armut und Standesdünkel geprägt war.  

Gemälde von Ludovike Simanowiz (1759-1827).
 

Schillerhaus Marbach
 

   
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Johann Caspar Schiller
 

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Elisabeth Christophine Friederike  Schiller
 



Elisabeth Christophine Friederike Schiller

Elisabetha Dorothea  Schiller
 



Anfangs erzog uns Mutter nahezu allein, weil mein Vater als Offizier am Siebenjährigen Krieg gegen Preußen teilnahm und nur selten, meist in den Wintermonaten, zu Hause weilte. Sie legte besonderen Wert auf eine gute Erziehung, die sie uns, trotz aller Einschränkungen finanzieller Art, mit großer Sorgfalt und Wärme zuteil werden ließ.
 
Ihr einziger Halt, der uns Kinder ebenfalls Sicherheit bot, waren ihr fester Glaube und ihre tiefe Frömmigkeit, die stets präsent waren und liebevoll an uns weitergegeben wurden. So stand mir Gott als Vater immer näher als mein leiblicher, der mir so völlig fremd und fern schien. Obwohl er kaum zu Hause war, brachte mein Vater unsere Familie durch, so gut er konnte. Niedrigere Arbeiten kannte er aus seiner Kindheit, hatte ihn doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes zur mühsamen Feldarbeit herangezogen. Später, nach seiner Schulzeit, gestattete sie ihm, bei einem Chirurgen und Barbier eine dreijährige Ausbildung in der Wundarzneikunde abzuschließen.
 
Er ließ sich 1757 als Fähnrich und Adjutant vom württembergischen Regiment Prinz Louis anwerben und war eifrig bemüht, neben seinen eigentlichen Aufgaben als Feldscherer, Aushilfsgeistlicher und Werbeoffizier Dienst zu tun. Am Ende des Krieges hatte er es schließlich bis zum Hauptmann gebracht.

Aufgrund der militärischen Stellung meines Vaters waren wir gezwungen häufig umzuziehen.
 
Nach dem Krieg befahl der regierende Herzog Karl von Württemberg dem Vater, als Werbeoffizier in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd zu dienen. Also zogen wir nach Lorch, dem nächstliegenden Grenzort, einem kleinen Dorf im Remstal, um die Kosten für Leben und Unterkunft möglichst klein zu halten.
 
Hier verbrachte ich drei Jahre meiner Kindheit, und wir lebten dort in sehr beengten Verhältnissen. Da mein Vater während der gesamten Zeit in Lorch keinen Sold erhielt, existierten wir von dem in den Feldzügen ersparten kleinen Vermögen.
 
Unsere Heimstatt war recht einsam am Fuße eines Hügels gelegen, in der Nähe eines Klosters, dessen Gebäude, umgeben von Tannenwald, neben einer Reihe weiterer Berge lag. Das kleine Flüsschen Rems schlängelte sich entlang der Weinberge, tief unten im Tal.
 
Die Gegend bot unserer Familie oft Anlass zu Ausflügen. Besonders die im Kloster gelegenen Gräber der Hohenstaufen waren für meine Schwester und mich ein beliebtes Ziel. Das Bild dieser Landschaft sollte mir auch später tief im Gedächtnis bleiben, und auch eine besondere Vorliebe für das Landleben und dessen Abgeschiedenheit entwickelte sich daraus.
 
Bei uns zu Hause herrschte die lutherisch religiöse Zucht meines Vaters, die keine Widerrede duldete. Oft wünschte ich mir insgeheim die Zeit zurück, in der er sich im Krieg befand. Als ich mit meiner Schwester und meiner Mutter allein gelebt hatte, waren wir frei gewesen von derben Erziehungsmethoden und Ängsten.
 
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Jeden Morgen, wenn die ganze Familie beisammen war, wurde von Vater ein Gebet gesprochen, oder er las uns aus der Bibel vor. Ich verfolgte seine Worte sehr aufmerksam und schickte meine Blicke andächtig zum Himmel, weil ich mich vor dem strafenden Gott fürchtete, den Vater beschrieb. Meine Mutter sagte oft, ich sähe dabei wie ein Engel aus, mit rotblonden, gelockten, langen Haaren und scheuen blauen Augen.

Besonders liebte ich es, wenn ich gemeinsam mit Mutter und meiner Schwester an den sonntäglichen Nachmittagen lange Spaziergänge machen durfte, und Mutter uns dabei das Evangelium erklärte, wovon der Pfarrer morgens in der Kirche gepredigt hatte.
 
Oft vergossen wir heiße Tränen, wenn sie uns Geschichten über die Passion Christus erzählte. Sie lehrte uns, die Natur und ihre Schönheiten mit anderen Augen zu sehen und Gott in allem zu erkennen.
 
Als ich mit fünf Jahren in die Dorfschule kam, begann für mich eine Leidenszeit. Die Schule wurde sehr nachlässig geführt. Die deutsche Sprache wurde uns eingebläut, denn Prügelstrafen waren an der Tagesordnung. Ausgerechnet ich bot dem Schulleiter häufig Ziel drastischer Erziehungsmaßnahmen.
 
Vielleicht war es mein Aussehen, mit den ständig tränend roten Augen und meine oft kraftlos wirkende Erscheinung, die ihn dazu verstärkt animierte!? Immer hatte er mich im Visier. Ein hilfloses Opfer war ich für seine Züchtigungen, die noch ärger waren, als die des Vaters. Ich flüchtete oft und streunte lieber in der nahen Umgebung umher. Das war ein Stück Freiheit für mich. Nur wenn ich von Vater beim Schwänzen erwischt wurde, bekam ich erst von ihm und später in der Schule Schläge und Arrest.
 
Kind sein hieß: bedingungsloser Gehorsam! Mein Vater, der selber keine richtige Kindheit und Jugend durchleben durfte, weil er sich bereits von klein auf alleine durchschlagen musste, gab diese Lehre verbittert an uns Kinder weiter.
 
Da war keine Zeit für Streiche und Spiel! Vaters Härte verbot ihm jeglichen liebevollen Umgang mit mir. Hart werden wie er, das sollte ich! Vater lehrte uns spartanisch zu leben. Das hieß, auf ausreichende Nahrung zu verzichten, obwohl genug auf dem Tisch stand. Mäßigen sollten wir unsere Ansprüche, was dazu führte, dass wir uns oft mit knurrendem Magen in den Schlaf wälzten.
 
Vater bedachte mich häufig mit Zusatzaufgaben, die mich abends kraftlos in mein Bett sinken ließen. Damals empfand ich diese Belastungen als wahre Ungerechtigkeit, und ich sinnierte oft stundenlang darüber nach, warum er mir diese Schikane antat.
Auch meine Mutter konnte daran nichts ändern. Sie streichelte mir oft mit tränenerfüllten Augen voller Mitleid über mein Haar, und ich sah die Ohnmacht in ihren Augen.
Das Diktat meines Vaters forderte widerspruchslosen Gehorsam, und er pochte immer wieder mit strengem Blick auf die Ausführung seiner häuslichen Anweisungen. Zu alledem bemaß er das Wirtschaftsgeld für meine Mutter so knapp, dass sie sich oftmals mühen musste, eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu zaubern.
 
Aufgrund des Mangels reagierten meine Knochen auf das schnelle Wachstum mit Nachgiebigkeit. Der Körper forderte seinen Tribut, als sich meine Beine zu einem leichten X verformten.
 
Die kärgliche Ernährung machte mich anfällig für fieberhafte Erkrankungen, und bereits als Kleinkind wurde ich von vielen Kinderkrankheiten und oft von Krämpfen heimgesucht.
 
Meine Welt war klein, grau, trübsinnig und ernst gehalten, zwar mit der Fürsorge der Mutter, jedoch ohne viel Liebe und Geborgenheit darin. Das alles entwickelte in mir einen ungeheuren Drang, aus dem Fritzle so schnell wie möglich einen Friedrich werden zu lassen.
 
Endlich unabhängig von den Eltern zu sein, das war mein Traum! Doch Gottes Mühlen mahlen langsam, und die Zeit kann unendlich lang sein, wenn man etwas mit allen Fasern seines Herzens herbeisehnt.
 Luise Dorothea Katharina Schiller                                                                

Luise Dorothea Katharina. Quelle: Könnecke 1905
 



Dem ständigen Ortswechsel zufolge fiel es mir schwer, intensive Freundschaften zu knüpfen. Aber auch meine hagere Gestalt und meine dünnhäutige Blässe trugen dazu bei, dass ich keine wirklichen Freunde an meiner Seite hatte, zumal ich häufig krank im Bett lag. Obwohl ich mich mit meiner Schwester immer eng verbunden fühlte, war ich einsam, denn Christophine genoss eine ganz andere Erziehung als ich. Ich liebte sie sehr! Nur zu oft nahm sie meine Schuld auf sich, damit ich von Vaters Bestrafungen verschont wurde.
 
1766 wurde meine zweite Schwester Luise Dorothea Katharina  geboren. Meine Mutter hatte kaum noch Zeit für mich, und auch Christophine wurde nun noch mehr in die Hausarbeiten eingebunden.
 
Mir fehlten Freunde, die mir nicht nur im Tagesablauf nahe standen wie meine Schwester, sondern auch meine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte teilten. Die Einsamkeit nagte in mir, denn ich vermisste Seelengefährten, die wie ich noch zu träumen wagten. Gerne wäre ich mit ihnen aus dem Alltag geflohen, in ein Elysium hinter dem Regenbogen, um dem täglichen Druck und den Ärmlichkeiten zu entkommen.
 
Die Zeit schritt fort, und mit jedem neuen Lebensjahr vergrößerte sich die Leere in mir. Eine Wüstenlandschaft breitete sich aus in meinem Herzen, und meine Seele rebellierte. Es war mir, als hielten zwei unsichtbare Hände meinen Hals umschlungen, die sich langsam immer enger und enger um ihn legten. Die Luft zum Atmen wurde mir genommen. Oft wuchs der innere Druck ins schier Unermessliche.
 
Heimlich trauerte ich und weinte bittere Tränen, die mein Vater nicht einmal ahnen durfte. So etwas hätte er niemals akzeptiert und auch nicht verstanden, weil er mir ja sein Bestes zu geben versuchte. Als undankbar verweichlicht hätte ich dagestanden.
 
Wegen der Unergiebigkeit des Dorfschulunterrichtes kam ich ein Jahr später zum Ortsdiakon Moser, der mir zusammen mit seinem Sohn Christoph Ferdinand den ersten regelmäßigen Elementar- und Lateinunterricht erteilte.
 
Er war mein Ideal; ein gütiger Mensch, den ich stets bewunderte, und der sich mir als ein großes Vorbild darstellte, weil er in seiner Weisheit gerecht war.

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Pastor Philipp Ulrich Moser.
Quelle:  Theo Piana Volksverlag Weimar (1957)
 



Ganz anders als mein Vater, der seinen Jähzorn stets an uns und Mutter ausließ und meine eigentlich freundliche und lebhafte Art zu unterdrücken versuchte, war Pastor Moser stets freundlich und besonnen. Er war sanftmütig wie meine Mutter, aber doch geprägt von einer starken Persönlichkeit, die weder Tod noch Teufel zu fürchten schien. So wurde sein Unterricht Mittelpunkt meines Lebens und Christoph Ferdinand mein erster wirklicher Freund. Ließen doch beide, besonders der Pfarrer mit seinen Lehren, auch die Flamme der Religiosität nie verlöschen, was dazu führte, dass sich tief in mir der Wunsch entwickelte, ebenfalls Pfarrer zu werden. Ja, so wie er wollte ich sein! Zwei Jahre vergingen, und ich genoss erstmals diese für mich außergewöhnlichen Bande.

 

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