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Pläne und Erwartungen

 

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Hospitium in Jena, Stammbuchmalerei um 1750: Der Gastgeber (links im Hausmantel mit Hausschlüssel) lässt seine Gäste trinken, „biß ihr unter dem Tisch liegt“. Quelle: Wikipedia
 



Es war mir ein schrecklicher Gedanke, wenn das nächste Jahr vorüberziehen würde, wie das jetzige, ohne Aussicht auf Änderung. Zumindest hatte mir der Herzog Karl August ab 1790 ein Jahresgehalt zugebilligt, dessen Höhe mir jedoch noch nicht bekannt war. Mehr als 100 Taler würde er wohl kaum zahlen. Das reichte bei Weitem nicht aus, die Kosten meines Lebensstils zu decken. Sollte er vielleicht gar nichts zahlen, könnte ich mich von Universitätsdienst beurlauben lassen oder diesen gar quittieren. Dann würde ich nach Rudolstadt ziehen, wenn Chère Mère nichts dagegen hätte. Mit Beulwitz verstand ich mich gut und Haus an Haus mit ihm zu wohnen, das würde mir nichts ausmachen. Er wäre ja sowieso ständig geschäftlich unterwegs, und vielleicht bliebe Karoline durch dieses gemeinsame Wohnen die Scheidung erspart.
 
Karolines Scheidungsangelegenheiten verlangten jedenfalls nach einer überlegten Vorgehensweise. In diesem Falle würde ich sie sehr wahrscheinlich ein ganzes Jahr lang nicht sehen können. Aber auch Lotte könnte bei meiner finanziellen Situation im kommenden Jahr noch nicht zu mir nach Jena ziehen, da noch immer ein Großteil meines Geldes in die Abzahlung meiner Schulden floss. Außerdem war mir der Ort, wo ich letztendlich leben würde, noch selber gänzlich unbekannt.
 
Ende November erfuhr ich, dass es mit Lottes Gesundheit nicht zum Besten stand. Sie klang deprimiert und schien irgendwie beunruhigt. Lag es vielleicht an dem Brief an ihre Mutter, den ich auf Karolines Anraten nicht abgeschickt hatte? Irgendwie schien sie noch verschlossener zu sein als sonst.
 
Ich hatte mich insgeheim darüber geärgert, weil sie mit Frau von Stein über unsere Verlobung und Karolines Scheidungsabsichten gesprochen hatte. Ich war mir sicher, dass die Stein dieses Geheimnis in der langweiligen Eintönigkeit von Kochberg sicher nicht lange für sich behalten würde.
 
Ich schrieb Lotte zu ihrem Geburtstag einige Zeilen, achtete aber leider nicht darauf, dass ich mich dabei im Datum irrte. Das hatte ihren Kummer wohl nur noch größer gemacht. Sie äußerte sich nicht dazu, doch ihr Herz schien bedrückt. Die Worte in ihren Zeilen klangen mit einem Male fremd und überhaupt nicht mehr heiter.
 
Konnte ich damals ahnen, dass sie mich nicht mit Karoline teilen wollte?! Stattdessen schrieb ich ihr, sie solle m i r ihre Zufriedenheit und die Gelassenheit ihrer Seele erhalten, weil m i r dies gut täte. Genau wie damals bei Charlotte von Kalb war es mir unerträglich, sie in trüber Stimmung zu sehen – und das duldete ich auch nicht. Ich brauchte schließlich eine positiv freundliche Stimmung, um mich entfalten zu können, keine negativ düstere. Ich schickte ihr eine Ananas, die mir mein Vater aus dem Garten der Solitude geschickt hatte und hoffte, dass sich ihre Laune dadurch etwas erhellen würde.
 
Es war Ende November, als mir Karoline eine Absage schickte. Mein Traumgebäude fiel in sich zusammen. Wie sehr hatte ich Anfang Dezember auf ein Wiedersehen gehofft und mir meine beiden Engel in meiner bescheidenen Wohnung in Jena vorgestellt. Doch widrige Umstände waren eingetreten, die einen Umweg über Jena nicht zuließen. Zu viele Personen hätten Verdacht schöpfen können, und ich musste einsehen, dass wir uns erst drei Wochen später treffen durften. Als Karoline berichtete, dass sich Lottes Stimmung gebessert hätte, war ich zwar enttäuscht wegen der Absage, doch auch beruhigt, was Lotte anging.
 
Wieder musste ich warten! Das erinnerte mich an Hallers unvollendetes Gedicht: Auch wenn ich eine gewisse Zeit, einen Tag oder eine Stunde, von der großen Ewigkeits-Zeitsumme abzöge, bliebe diese trotzdem immer unvermindert in ihrer Ganzheit bestehen.
 
Fünf lange Wochen hatte ich gewartet und nun lagen wieder vier neue vor mir. 
 
Nach langen Überlegungen war ich zu dem Entschluss gekommen, vorläufig in Jena zu bleiben, doch das wollte ich auf gar keinen Fall ohne Lotte an meiner Seite. Nur sie hatte die Gabe, mir Ruhe und Geborgenheit zu vermitteln.
 
Wenn ich die Einnahmen für meine schriftstellerischen Arbeiten und meine künftige Besoldung addierte, kam ich in allem auf rund 700 Taler. Vielleicht könnte die Chère Mère noch etwas dazu geben?! Damit ließe es sich dann leidlich leben.
 
Einrichten könnten wir uns später immer noch, zumal überhaupt noch nicht klar war, wo ich letztendlich leben sollte. Mainz oder Berlin schwebte mir vor, doch alles war noch ungewiss.
 
Ich drängte darauf Louise von Lengefeld aufzuklären und offiziell um Lottes Hand zu bitten. Bis zum Frühjahr wollte ich nicht mehr warten, weil dann auch möglicherweise Karolines Scheidung anstand.
 
Das alles wäre nur möglich, wenn Lotte sich entschließen könnte, alleine mit mir zu leben, denn alleine würde sie sich hier in Jena bestimmt fühlen. Meine Arbeit fraß mitunter vierzehn Stunden des Tages, und der weibliche Umgang, den ihr der Ort hier böte, wäre sicherlich keiner, bei dem sie sich wohl fühlen würde.
 
Lotte würde ihr ganzes Leben für mich ändern und mit großen Opfern anfangen müssen. Aber ich baute auf ihre Liebe!


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