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Charlotte von Kalb
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Charlotte von Kalb (1785) gemalt von Johann Heinrich Schmidt. Verbleib: Wittumspalais, Weimar. Quelle: Wikipedia
 



Doch dann trat eine andere Frau in mein Leben. Charlotte von Kalb verehrte mich seit ihrer Ankunft in Mannheim. Sie war mit Henriette von Wolzogen verwandt und stammte ebenfalls aus dem fränkisch-thüringischen Adelsgeschlecht der Marschalk von Ostheim. Sie war zwei Jahre jünger als ich und hatte erst kürzlich den Major von Kalb, einen lebenslustigen, jedoch vom Wesen her völlig unpassenden Mann, auf Drängen seines Bruders, schicksalsergeben und widerstandslos geheiratet, obwohl sie ihm nur freundschaftliche Gefühle entgegenbringen konnte.
 
In Begleitung ihres Gatten hielt sie sich seinerzeit ein paar Tage in Mannheim auf, als beide in die Pfalz zur französischen Festung Landau reisten, dem Sitz seiner Garnison. Charlotte überbrachte mir damals Grüße von Frau von Wolzogen und ein Schreiben Reinwalds, in dem er sie mir als große Bewunderin meiner Dichtkunst vorstellte.
 
Charlotte unterschied sich in manchen Dingen von anderen Frauen. Alleine ihre Art zu lachen war seltsam und aufsehenerregend. Durch ihre großen, dunklen Augen blickte sie oft abwesend und ausdruckslos, und man fand darin eine gewisse Traurigkeit, die sie wie ein unsichtbarer Mantel umgab. Sie hatte langes, volles Haar und eine üppige Figur, einen ansprechenden Mund und trug mit Vorliebe Kleider, die ihre schönen Arme zur Geltung brachten.
 
Alles in allem schien sie aufgrund ihrer erzwungenen Ehe unglücklich und von ihrem Mann mehr als unverstanden zu sein. Sie war, für die Zeit ungewöhnlich, eine nach Gleichberechtigung verlangende Frau.
 
Ihre Eltern waren früh verstorben und hatten ihr von jeher zu verstehen gegeben, dass sie eigentlich unerwünscht sei, weil ein männlicher Erbe erwartet worden war. So stand sie in ihrem Leben unbewusst ihren „Mann“. In ihrer Kindheit war sie innerhalb ihrer Familie auf deren Schlösser herumgereicht worden. Liebe und Geborgenheit hatte sie nie erfahren, weil sie lieblos und oberflächlich erzogen worden war. Sie zeigte schon als Kind eigenartige Charakterzüge, und selbst an dem für Mädchen üblichen Puppenspiel konnte sie kein Interesse finden.
Als sie alt genug war, verschlang sie alle Bücher, die sie bekommen konnte und vergrub sich in einer Traumwelt, aus der sie nicht erwachen wollte. Von einem Extrem zum anderen ließ sie sich treiben, sei es die katholische Frömmigkeit in Franken oder die pietistische in Thüringen. Zuletzt sympathisierte sie mit den freimaurerischen Ideen.
 
Wegen ihrer schwachen Augen konnte sie die Welt nur wie durch einen Schleier sehen, selbst die Sterne am Himmel blieben für sie verborgen.
 
Vielleicht war es eine eingebildete Kindheitserinnerung, dass ihr auf den einsamen Gängen der Schlösser Spukgestalten erschienen waren. Seitdem glaubte sie, das zweite Gesicht zu besitzen. Wenn Unheil nahte, ahnte sie es im Voraus und litt unter ausgeprägten Halluzinationen.
 
Der Tod ihrer Eltern war ihr angeblich angekündigt worden, und auch ihr jüngerer Bruder war ihr weggestorben. Eine ihrer Schwestern starb im ersten Jahr ihrer Eheschließung, eine andere schloss eine Ehe mit einem doppelt so alten Mann und lebte seitdem wie verwandelt in Depressionen. Das Leiden zog sich wie ein roter Faden durch ihre Familie, und sie ertrug ihr eigenes widerstandslos und unbefriedigt.
 
Bereits bei unserem ersten Treffen hatten wir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Wir schienen uns auch ohne viele Worte zu verstehen, und unsere neue Bekanntschaft wurde sogleich auf eine freundschaftliche Basis gestellt.
 
Bereits im Sommer des Jahres 1784 nahm sich Charlotte eine Wohnung in Mannheim, denn aufgrund des französischen Reglements war es Offiziersfrauen nicht gestattet, in den Garnisonen zu verweilen.
 
Hier genoss sie das neue Leben in der Stadt, gab Empfänge und freute sich an Besuchen und Gästen. Schnell waren wir so vertraut, dass sie und auch ihr Mann mich hin und wieder mit gewissen Aufträgen bedachten.
 
Als sie Anfang September ihr erstes Kind bekam, verfiel sie kurz vor dessen Geburt in einen Zustand, der mit Fieber und Halluzinationen einherging. Ich war gerade zu Besuch, als sie völlig in Angst und Panik von einer Frau phantasierte, die in das Zimmer gekommen sei und an ihrer Bettdecke und den Vorhängen gezerrt hätte. Sofort rief ich den Arzt und ließ ihren Mann verständigen. Der kam auch einen Tag später und führte mich an das Bett seiner Frau, damit ich mich davon überzeugen konnte, dass es ihr wieder besser ging.
 
Seit diesem Vorfall schien unsere Freundschaft endgültig besiegelt zu sein. Charlotte war eine Frau, die in gehobenen gesellschaftlichen Kreisen verkehrte. Trotzdem teilte sie meine Interessen und Sorgen.
 
Sie war das erste weibliche Wesen, mit dem ich offen über alles sprechen konnte, und die stets ein Ohr für meine Probleme hatte. Nur mein finanzielles Chaos verschwieg ich ihr aus Scham.
 
Streicher erteilte ihr regelmäßig Klavierunterricht. Er sprach mit ihr über mich und mein neuestes Werk, den Don Carlos.
Sie war ganz versessen darauf, sich ihn von mir vorlesen zu lassen und gab mir einige Hinweise zur Verbesserung der dort dargestellten Frauengestalten. So wirkte sie auf meine Arbeit sehr belebend und anregend und gab mir Ratschläge, besonders was meine Art des Vortragens betraf.
 
 
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