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Studentenunruhen in Jena

1280px-Jena_Studentenproteste_1792

Tumulte zwischen Studenten und Soldaten im Zuge der Schokoladisten-Unruhen (Stich von 1792). Quelle: Wikipedia
 



Der Herzog hatte mich vom Universitätsdienst befreit. In diesem Sommer war es in Jena zu massiven Studentenunruhen gekommen, die ich wegen der Mittelmäßigkeit beider Fronten aufs Gröbste verurteilte.
 
Nach einem feuchtfröhlichen Gelage in einem Wirtshaus vor der Stadt hatten einige Studenten ihren Kameraden in jugendlichem Leichtsinn dazu angestiftet, eine junge durchreisende Gräfin, die vor ihrer Kutsche auf ihren Gemahl wartete, der eben in die Stadt gegangen war, um einen Kuss zu bitten. Dieser Vorfall wurde dem Prorektor Ulrich angezeigt, und obwohl der Graf nur darüber gelacht hatte, kam es zu einer weitreichenden Untersuchung der Sache. Der Student, der ein sächsisches Stipendium besaß, musste seinen Scherz mit einem Verweis büßen, obwohl sich zuvor auch eine Deputation Studierender für seinen Verbleib eingesetzt hatte.
 
Daraufhin waren zwischen den Studenten, den Universitätsbehörden und der Weimarer Regierung Spannungen entstanden, die sich jetzt in Unruhen und einem regelrechten Tumult auf dem Markt in Jena entladen hatten.
 
Das Haus des Prorektors Ulrich wurde erstürmt. Es wurden Möbel zerschlagen und Schränke aufgebrochen und anschließend der Garten verwüstet, weil man ihm die Schuld an der harten Bestrafung des Studenten zur Last legte.
 
Daraufhin verstärkte man das Militär und das wiederum führte dazu, dass etwa 300 Studenten in Richtung Erfurt gezogen waren, um ihren Protest kundzutun. Doch, als diese die militärische Stärke bemerkten, änderten sie ihr Vorhaben und baten um Amnestie und Erlaubnis, nach Jena zurückkehren zu dürfen. Im akademischen Senat wurde darüber beraten, ob man den Zurückkehrenden nicht entgegengehen solle. Ich fürchtete, dass diese Vorkommnisse für die Universitätsstadt Jena nicht gerade von Vorteil sein würden und sprach mich ganz entschieden dagegen aus, weil ich durch eine feste Haltung den Studenten gegenüber, das Ansehen und die Würde des Senats erhalten wollte. Doch der ängstliche Teil der Professoren entschied sich dazu, den Studenten entgegenzugehen, Professor Döderlein an der Spitze, der Anfang Dezember plötzlich verstarb.
 
Ich tadelte laut das Vorgehen Ulrichs und sprach mich öffentlich für eine zukünftig bessere Besetzung des Prorektorpostens aus. Wegen meines klar eingenommenen Standpunktes wurde ich von der Studentenschaft auch weiterhin mit großem Respekt behandelt.


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