schiller5

Totgeglaubt



Oft kniete Lotte weinend und betend vor meinem Bett, und ich umfasste sanft ihr Haupt und streichelte über das dunkle Haar, das lose über ihre Schultern floss, bevor ich mich kraftlos in die nächste Ohnmacht fallen ließ. Ich schickte Karoline, alle Freunde zu holen, um ihnen zu zeigen, wie man ruhig stirbt. Dann wurde mir die Sprache schwer, und ich versuchte meine Botschaft an die anderen aufzuschreiben, die weinend und hilflos um mein Bett herum versammelt waren. Jedem, der mich so sah, legte ich nahe, er solle auf seine Gesundheit achten, denn ohne sie ist alles ein Nichts.
 
Doktor Conradi und die himmlischen Mächte vollbrachten das Wunder an mir und ließen die Krämpfe langsam abklingen. Je geringer die Schmerzen wurden, umso heiterer wurde auch meine Stimmung, und ich sagte zu Lotte und meiner Schwägerin, dass es doch schön wäre, wenn wir noch länger zusammen bleiben könnten. Mein Zustand besserte sich von Tag zu Tag, und auch die Hoffnung, noch eine Zukunft zu haben, kehrte zurück.
 
Da ich abends durch das ständige Liegen schwer einschlafen konnte, fing ich an zu lesen, und manches Mal spielte ich Karten mit den Hausjungfern, bis mich die Müdigkeit von alleine übermannte. Alle im Haus bemühten sich darum, mich aufzuheitern und draußen in der Welt verdichteten sich die Gerüchte um meinen Tod.
 
Selbst bis nach Erfurt zu Karoline von Dacheröden war dies Gerücht gedrungen, das von Jena aus verbreitet worden war, und es machte seine Runde auch nach Salzburg, wo man sogar einen Nachruf auf meine Person verfasst hatte.
 
Bis nach Dänemark wurde diese Nachricht verbreitet, denn dort wurde im Juni eine Gedenkveranstaltung zu meinen Ehren abgehalten, von der ich jedoch erst im August von Reinhold erfuhr, als ich weitestgehend wieder aufnahmefähig war.
 
Charlotte schrieb unterdessen in meinem Namen an Göschen und unterrichtete ihn über meinen Krankheitsverlauf, da dieser dringlichst auf die Arbeiten an dem Historischen Kalender für Damen für das Jahr 1792 wartete, die ich jedoch aufgrund meines Gesundheitszustandes nicht im vollen Maße ausführen konnte. Da ein geringeres Volumen noch durchaus zu bewerkstelligen war, einigten wir uns darauf, dieses durch ein größeres Schriftbild auszugleichen.  
 
Doch zuerst einmal musste sich mein geschundener Körper erholen, und wir planten, Ende Mai nach Erfurt zu gehen, um dort zwei bis drei Monate zu bleiben. Karoline von Dacheröden sollte im Juni 1791 mit Wilhelm von Humboldt getraut werden, und ich schrieb an Dominikus, damit er rechtzeitig nach einer passenden Logis für uns suchen konnte, weil mir die Unterbringung in einem Gasthof zu wenig Ruhe bringen würde, noch dazu wäre dies viel zu kostspielig für uns gewesen.
 
Die Spannungsschmerzen auf der rechten Seite meiner Brust waren nicht gewichen, sondern hielten sich konstant. Die heftigen Anfälle zeigten sich nicht wieder, doch hatte ich täglich mit Asthma ähnlichen Anfällen zu kämpfen, die stets einige Zeit nach dem Essen auftraten. So vermied ich blähende Speisen und setzte mich selbst auf Diät, weil sich die Verdauungsbeschwerden nicht bessern wollten.
 
Auch an Lotte war diese schwere Zeit nicht spurlos vorüber gegangen, denn sie klagte über ein Nervenleiden, das sich durch ein Zucken in der Hand und im rechten Arm äußerte und ihr die Nachtruhe nahm. Der Zustand hielt stundenlang an und wurde von heftigen Kopfschmerzen und Brennen in den Augen begleitet.
 
Erst vermuteten wir Masern, da Karoline über ähnliche Symptome klagte. Bei Doktor Conradi ließ sich Lotte schließlich eine Blasenpflaster auf den kranken Arm setzen, das die Zuckungen langsam minderte. Der Schmerz in den Armen wich, doch eine starke Mattigkeit in den Beinen trat an dessen Stelle.
 
Ich schrieb an Professor Stark nach Jena und fragte ihn um Rat, da ich ein Frauenleiden vermutete, denn Lottes Monatsblutung kam stets unregelmäßig.
Meine Ärzte hatten mir geraten, mich noch eine Zeitlang zu schonen und auf keinen Fall jetzt schon zu arbeiten. Die Reise nach Erfurt konnten wir nicht antreten, weil ich die Kutschfahrt nicht hätte ertragen können. Anfang Juli 1791 war ich immer noch nicht fähig einen Brief zu lesen oder zu schreiben, deshalb glaubte ich nicht, vor September mit meiner Arbeit an dem Historischen Kalender beginnen zu können.
 
Wenn meine Krankheit es zugelassen hätte, hätte ich bis November vielleicht zwölf Bogen von der Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges an Göschen liefern können. Sicher wären die Leser nachsichtig gewesen, denn jeder, so dachte ich, dürfte inzwischen von meiner Krankheit gehört haben. Ich ließ Lotte einen Brief an Wieland schreiben und bat ihn um einen Aufsatz, um für mich in die Lücke bei Göschen zu springen.
 
Ende Juni besuchte uns Professor Stark in Rudolstadt und bestätigte mir nach eingehender Untersuchung, dass die Ursache der Krämpfe im Unterleib läge. Deshalb könne er mir nur eine Kur in Karlsbad empfehlen.


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