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Die Jungfrau von Orleans

Lotte war am 27. Juni mit Ernst nach Rudolstadt zu ihrer Mutter gefahren, und ich blieb mit Karl und Karoline in Weimar. 
 
Unsere kleine Tochter, die komplikationslos die Pockenimpfung überstanden hatte, bekam mit einem Male Windpocken. Da die ärztliche Betreuung durch unseren langjährigen Hausarzt Professor Stark wegen der weiten Anfahrstrecke von Jena nicht immer möglich war, zogen wir mehr und mehr den ehemaligen Schüler Starks, Doktor Wilhelm Ernst Christian Huschke zur Behandlung heran. Huschke war seit 1792 als Hofmedikus in Weimar tätig und auch Goethes Hausarzt. 
 
Ich war mit Goethe nach Ettersburg gefahren, wo wir uns mit den Griesbachs trafen, und abends nach unserer Rückkehr saßen wir im Hause Goethes zusammen und sprachen über sein Werk „Die natürliche Tochter“.
 
Ein paar Tage lang schlief ich wegen der schwülen Luft nachts sehr schlecht und hütete das Haus, weil ich den halben Tag verschlief. Das Kindermädchen kam täglich mit den Kindern zu mir, und da unser Goldkarl sehr brav war, versprach ich ihm, dass er sich im Ombres Chinoises die Gaukler und Schattenspieler ansehen dürfe, die zurzeit hier am Orte gastierten. Seitdem wir in Weimar wohnten, spielte er fast täglich mir Adolph und August und fragte oft nach seiner Mama, die er sehr vermisste.
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Ombres Chinoises
 



Die Weimarer Bühnenbesetzung gastierte derzeit in Lauchstädt, um dort die Maria Stuart am 3. Juli erstmals zu spielen und dies am 12. Juli und 2. August zu wiederholen. Hier war das Stück eine Sensation und der Erfolg beispiellos. Der Menschenandrang war derart groß, dass man die Musiker des Orchesters auf der Bühne platzieren musste. Den Kassierer hatte man überhaupt nicht zur Kasse kommen lassen, denn bereits nachmittags um halb drei Uhr waren alle Billets aus seiner Wohnung abgeholt und verkauft. Die Leute boten untereinander für eine Karte, die ursprünglich acht Groschen kosten sollte, bis zu drei Taler.   

Trotz der abwechslungsreichen Tage hieß es wieder die klaffende Lücke zu füllen, deren Fühlbarkeit mein unruhiges Inneres rumoren ließ, und schon mit dem ersten Tag des Julis begann ich meine neue Vision aufs Papier zu bannen. Ich erhoffte mir mit meiner Arbeit, mir einen Platz unter den fruchtbaren Theaterschriftstellern zu verdienen und glaubte alles in der Vergangenheit Versäumte nachholen zu können, vorausgesetzt, ich würde das fünfzigste Lebensjahr erreichen.
 
Zwei Stücke wollte ich in kürzester Zeit schaffen, denn wir brauchten das Geld zum Leben, und ich begann mit der ersten Idee der Jungfrau von Orleans. Nicht eher wollte der böse Geist in mir ruhen, bis beides ausgeführt war.
 
Die Jungfrau von Orleans würde zwar vom Umfang her kleiner sein, als das vorherige Drama, dafür bot der dramatische Teil mehr Raum, um das Stück in größerer Kühnheit und Freiheit darzustellen. Demzufolge lag es jetzt an mir, die passende Form dafür zu finden. Ich ließ mir von Körner eine Liste mit Büchern schicken, in denen ich geeignetes Material über Hexenprozesse finden konnte, um mich mit der Historie vertraut zu machen.
 
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Friedrich Ludwig Schröder. Quelle: Wikipedia
 



Friedrich Ludwig Schröder, Theaterdirektor in Hamburg, war seit einiger Zeit in Weimar, und ich wunderte mich darüber, weshalb er mir noch keinen Besuch abgestattet hatte. Durch ein zufälliges Treffen in Tiefurt am 30. Juni erfuhr ich, dass seine Karte, die er gleich am Tage seiner Ankunft am 28. Juni abgegeben hatte, von meinem Diener Rudolph vergessen worden war.
 
In einem Gespräch mit Schröder erkannte ich, dass mit ihm kein Umgang möglich war, weil er voller Vorurteile steckte und sich anmaßend verhielt und seine Ansichten vorsintflutlich waren.
 
Außerdem schien er ganz in den Klauen von Karl August Böttiger, Gymnasialdirektor in Weimar, zu stecken, mit dem ihn das Thema Freimaurerei verband, denn Schröder plante eine Neubildung des Ordens.
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Der verklärte Freymaurer. Eine Schrift, worinn ihre hieroglyphische Zeichen, Worte, Werke, wie sie sollen verstanden und soweit es thunlich ist, ausgedeutet werden, Wien 1791. Quelle: Wikipedia
 


 
 
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Carl August Böttiger. Stich nach dem Gemälde von F. A. Tischbein. Quelle: Wikipedia
 


Ich wartete auf Lottes Rückkehr, doch als sie nicht am verabredeten Tag nach Hause kam, schrieb ich ihr meine Enttäuschung.
 
Das Leben in Weimar forderte seinen erhöhten Preis, und ich sah meine finanziellen Reserven schwinden. Zum Leben blieben mir im Moment neben meinem jährlichen Gehalt nur noch die Einkünfte für meine Stücke, und Kirms hatte in seiner Funktion als Hofkammerrat und Bühnenleiter in Weimar noch kein Geld geschickt. Von Berlin erwartete ich ebenfalls noch die Bezahlung, und ich schrieb Lotte nach Rudolstadt, sie solle ihre Mutter um Hilfe bitten, bis das ausstehende Geld da sei. Ende Juli zahlte Kirms 150 Taler für beide Dramen, Iffland zahlte erst Anfang November.
 
Lotte kehrte am 13. Juli aus Rudolstadt zurück. Hier am Ort war es ruhig, denn der Hofstaat war verreist. Ich plante ein Treffen mit Körner in Lauchstädt, doch er sagte ab, so dass ich ihn in diesem Jahr nicht sehen konnte. Ich hatte mich dazu entschlossen, die Bücherliste, die er mir geschickt hatte, nicht zu gebrauchen, weil ich auf Hexenprozessliteratur verzichten wollte, da ich ihr nichts Poetisches abgewinnen konnte.
 
Stattdessen lieh ich mir in der herzoglichen Bibliothek etliche Werke historischen Inhalts und wollte in sechs Wochen das Vorstudium abgeschlossen haben.
 
Gerade weil der Stoff poetisch alle Vorzüge bot, hatte ich mir das Stück in hohem Maße rührend erdacht. Ich fürchtete mich jetzt schon vor der Ausführung, weil ich Angst hatte, meine eigenen Vorstellungen vielleicht nicht erreichen zu können. Nach Abschluss der Vorstudien begann ich Anfang September mit der Niederschrift des Stückes.
 

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